Der digitale Schnuller

Veröffentlichungsdatum09.12.2025Lesedauer2 Minuten

Der digitale Schnuller

Eine Serie zur digitalen Medienkompetenz - Schon Babys und Kleinstkinder sieht man oft mit dem Smart­phone in der Hand. Was für manche niedlich aussieht, nimmt massiven Einfluss auf die frühkindliche Entwicklung.

Dass die ständige Präsenz des Handys bei Teenagern und Erwachsenen zu einer Art Suchtverhalten führt, ist vielen schon bewusst. Bei Babys und Kleinstkindern ist der Einfluss darüber hinaus noch dramatischer: auch körperliche Entwicklungen werden gestört, diese Defizite können später nicht immer aufgeholt werden.


Im Interview: Eine Person mit Brille und schwarzem Hemd

Dr. Arnika Thiede, Kinderärztin im Klinikum der Barmherzigen Brüder in Linz. 

Sie behandelt regelmäßig Kleinkinder mit Verhaltens­störungen, die sie auf ­übermäßigen Medienkonsum zurückführt.


Was löst die Mediennutzung in einem so jungen Alter aus?

Um das zu beantworten, muss man sich anschauen, welche Entwicklungen in diesem Alter stattfinden: 

Sprachentwicklung und die Sozialisation in der Gruppe. Ein kleines Kind braucht das ­Gegenüber mit Mimik und Gestik, die Interaktion. Das alles bekommt es vor dem Bildschirm nicht. Denn der ist nur auf Senden eingestellt.


Wie wirkt sich das aus?

Die Kinder lernen das Sprechen und die soziale Interaktion nicht. Das heißt, sie lernen beispielsweise nicht, dass man auf Dinge zeigt, dass es Blickkontakt braucht, dass man auch mit Mimik und Gestik kommunizieren kann. Bei uns in der Ambulanz landen diese Kinder ganz oft mit der Frage: Wieso spricht mein Kind nicht? Wieso hat es kein Interesse an anderen? Ist es vielleicht autistisch? Es gibt bereits den Begriff des Pseudo-Autismus durch den übermäßigen Bildschirm-Medienkonsum.


Wie können Medien die körperliche Entwicklung eines Babys beeinflussen?

In den Ambulanzen sehen wir häufig Verhaltens- oder Sprachauffälligkeiten. Aber es gibt auch andere gesundheitliche Gefahren. Dazu zählt die Kurzsichtigkeit. Der ­Augapfel entwickelt sich durch das häufige Bildschirmsehen anders, das Auge wird kurzsichtig. 

Man weiß auch, dass durch das blaue Licht der Bildschirme die Schlafhormonproduktion vermindert wird und Kinder schlechter schlafen. Zugleich steigt das Level des Stresshormons Cortisol, das wirkt auf den Appetit. Der Hormonhaushalt der Kinder kommt durcheinander, sie werden dick, weil sie kein Sättigungsgefühl mehr haben.

Außerdem weiß man aus Studien mittlerweile, dass der ständige Medienkonsum zu Veränderungen im Gehirn führt. Wir können die schnellen Medienbilder nicht verarbeiten. Das Gehirn stellt sich darauf mit der Zeit ein: Gehirnbereiche für das Sehen vergrößern sich, während andere Bereiche, die nicht so trainiert werden (z.B. Motorik, Sprachfähigkeiten) kleiner werden.


Weitere Informationen unter:

www.smart-aufwachsen.at


Dieser Artikel ist Teil einer Artikelserie zur digitalen Medienkompetenz, alle Artikel finden Sie nach Veröffentlichung auf unserer Homepage unter: 

https://www.kirchschlag.net/GemeindeLeben/Initiativen/Digitale_Kompetenzoffensive